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Fallbeispiele

Anhand konkreter Fallbeispiele belasteter Familien zeigen wir, wie der Ansatz der Familienzentrierten Vernetzung umgesetzt wird, welche Massnahmen er umfasst und welche Wirkung sich daraus ergibt.

Beispiel 1

Postnatale Depression

 

Kontext

Familie Rust lebt in einer Agglomerationsgemeinde einer grösseren Stadt. Die Gemeinde hat vor zwei Jahren das Konzept der Familienzentrierten Vernetzung eingeführt und eine Fachstelle Frühe Kindheit geschaffen, in der das Netzwerkmanagement angesiedelt ist. Die Familienbegleitung wurde der Mütter-/Väterberatung (MVB) übertragen, wo eine Beraterin Frühe Kindheit die Aufgabe übernimmt. Sie ist lokal sowie regional gut vernetzt. 

Belastungssituation

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes kämpft Sandra Rust zunehmend mit Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Bei einem ihrer letzten Besuche bemerkt die Hebamme, dass Sandra übermässig müde und unkonzentriert wirkt, dass sie Schwierigkeiten hat, auf die Bedürfnisse der beiden Kinder einzugehen und sich auf dem Wohnzimmertisch die ungeöffnete Post und Wäscheberge stapeln. Zudem berichtet Sandra von Problemen mit ihrem Partner. Die Hebamme sieht die Mehrfachbelastung der jungen Familie und vermutet bei der Mutter Anzeichen einer postnatalen Depression. 

Einleitung der Unterstützung

Die Hebamme spricht Sandra vorsichtig darauf an und schlägt den Beizug der Familienbegleitung vor . Diese kennt sie aus dem lokalen Netzwerk Frühe Kindheit. Mit Sandras Einverständnis vereinbart die Hebamme mit der Familienbegleiterin einen Hausbesuch. Beim ersten Besuch ist neben Sandra auch die Hebamme anwesend. Gemeinsam analysieren sie die Situation der Familie und beginnen eine Klärung von Sandras Bedürfnissen. Im Zuge mehrer Hausbesuche gewinnt die Familienbegleiterin zunehmend das Vertrauen von Sandra und ihrer Familie. 

Passende Massnahmen

Nach Rücksprache mit ihrem Partner einigen sich Sandra und die Familienbegleiterin darauf, in den kommenden Monaten verschiedene Unterstützungsangebote zu nutzen: einen Entlastungsdienst für Haushalt und Kinderbetreuung, über den Hausarzt eine Psychotherapie für Sandra sowie einen subventionierten Spielgruppenplatz für den älteren Sohn Tim. Zudem kommt die Mutter von Sandra einmal pro Woche für einen Tag vorbei, um sich um die Kinder zu kümmern. Dank der Unterstützung der Familienbegleitung wird ein stabiles Unterstützungsnetz aufgebaut und ein bewältigbarer Alltag für die Familie geschaffen. 

Wirkung

Nach mehreren Monaten intensiver Unterstützung erholt sich Sandra spürbar. Sie gewinnt neue Kraft und kann sich nun gut um die beiden Kinder kümmern. Tim blüht durch die Spielgruppe und die neuen Freunde, die er dort gefunden hat, auf. Sandra und ihr Partner überlegen eine Paartherapie zu beginnen. Nachdem zuvor mindestens monatlich Termine mit der Familienbegleitung stattgefunden haben, melden sich die Eltern nun bei Bedarf. 

Beispiel 2

Vielfältige Herausforderungen

 

Kontext
Familie Abdelhadi lebt in einer grossen Stadt, die seit vielen Jahren ein Konzept der familienzentrierten Vernetzung umsetzt und über eine Fachstelle Frühe Kindheit verfügt. Dort arbeiten Netzwerkmanagement und Familienbegleitung eng zusammen. Beide sind bei der Stadt angestellt und spielen eine zentrale Rolle im Netzwerk. Die Familie ist vor zwei Jahren in die Schweiz geflüchtet und hat drei Kinder im Alter von 1, 3 und 5 Jahren. Der Vater arbeitet im Schichtbetrieb, was den Familienalltag belastet.

Belastungssituation
Bei einer routinemässigen Entwicklungskontrolle erkennt die Kinderärztin, dass die Familie Unterstützung braucht. Die Mutter berichtet von gesundheitlichen Problemen, einer hohen Belastung durch die drei kleinen Kinder und Konflikten in der engen Wohnung, insbesondere weil der Vater tagsüber schlafen muss. Zudem zeigt sich, dass die Familie stark isoliert ist und kaum soziale Kontakte hat. Sprachliche Hürden erschweren den Alltag zusätzlich.

Unterstützung
Die Kinderärztin stellt den Kontakt zur Familienbegleiterin her, die sich wenige Tage später meldet. Mit Unterstützung einer Dolmetscherin führt die Familienbegleiterin eine Auslegeordnung mit den Eltern durch und priorisiert gemeinsam mit ihnen die dringendsten Anliegen. Sie begleitet die Familie regelmässig und bietet Orientierung. Sie informiert die Kinderärztin über die Unterstützung, die die Familie erhält.

Passende Massnahmen
Aufgrund der vielfältigen Herausforderungen empfiehlt die Familienbegleiterin ein intensiveres Hausbesuchsangebot, das den Eltern konkrete Anregungen für die Erziehung bietet und Begegnungen mit anderen Familien ermöglicht. Gleichzeitig organisiert sie medizinische Abklärungen für die Mutter und begleitet diese zu den Terminen. Darüber hinaus hilft sie bei der Suche nach einem Deutschkurs mit Kinderbetreuung. Die Begleitung bleibt flexibel und wird bis zum Kindergarteneintritt des jüngsten Kindes weitergeführt. Dank der Vernetzung arbeiten alle beteiligten Fachpersonen eng zusammen.

Wirkung
Durch das Hausbesuchsangebot und die Verbesserung des Gesundheitszustands der Mutter wird die Familie spürbar entlastet und kann Alltagssituationen zunehmend selbstständig meistern. Die Isolation nimmt ab, da neue soziale Kontakte entstehen. Die Elternkompetenzen werden gestärkt, und die Familie weiss, dass sie auch nach Abschluss des Hausbesuchsangebots weiterhin Unterstützung über die Familienbegleitung erhalten kann. Die koordinierten Strukturen sorgen dafür, dass Familie Abdelhadi dauerhaft bedarfsgerecht begleitet wird.

 

Beispiel 3

Unterstützung im ländlichen Raum

 

Kontext

Familie Schneider lebt in einem Dorf im Schweizer Mittelland, das Teil eines regionalen Netzwerks Frühe Kindheit ist. Die Gemeinde verfügt über eine Fachstelle Frühe Kindheit sowie eine unabhängige Familienbegleitung. Die Schneiders haben ein zweijähriges Kind, und ein weiteres ist unterwegs. Lisa Schneider ist seit drei Jahren in der Schweiz, hat jedoch kaum soziale Kontakte. Markus Schneider ist berufsbedingt viel abwesend, sodass die Mutter oft allein mit der Betreuung des Kindes ist.

Belastungssituation

Die soziale Isolation belastet Lisa Schneider zunehmend. Sie fühlt sich unsicher in ihrer Rolle und hat Mühe, auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Das Kind selbst hat kaum Kontakt zu Gleichaltrigen, was seine soziale Entwicklung einschränkt. Um dem abzuhelfen, beschliesst sie, ihr Kind in die Spielgruppe zu bringen. Der Spielgruppenleiter bemerkt, dass Lisa Schneider überfordert ist und wenig Unterstützung hat.

Unterstützung

Der Spielgruppenleiter kennt die Familienbegleitung aus dem regionalen Netzwerk und stellt mit dem Einverständnis von Frau Schneider den Kontakt her. Familienbegleiterin Martina besucht die Familie und spricht mit den Eltern über ihre aktuelle Situation, Belastungen und Wünsche. So entsteht ein erstes Vertrauensverhältnis, und Martina kann abschätzen, welche Unterstützung sinnvoll ist.

Passende Massnahmen

Martina empfiehlt verschiedene Angebote: die Mütter- und Väterberatung, sowie den Besuch eines Eltern-Kind-Treffs im Familienzentrum der Nachbarsgemeinde. Die Eltern entscheiden sich, diese Angebote wahrzunehmen. Da Lisa Schneider Hemmungen hat und sich im öffentlichen Raum unsicher fühlt, begleitet Martina sie zu den ersten Besuchen im Familienzentrum. Sie bleibt auch in den ersten Wochen in engem Austausch mit der Familie, um sicherzustellen, dass die Angebote entlastend wirken. Nach der Geburt des zweiten Kindes organisiert Martina in Absprache mit der Hebamme eine Entlastung durch das Schweizerische Rote Kreuz, damit die Familie weiterhin stabil bleibt.

Wirkung

Lisa Schneider gewinnt zunehmend Sicherheit, baut soziale Kontakte auf und fühlt sich in ihrer Elternrolle gestärkt. Das Kind profitiert vom regelmässigen Kontakt zu anderen Kindern. Die Familie insgesamt wird entlastet und besser eingebunden. Lisa Schneider entwickelt Vertrauen zur Mütter- und Väterberatung und nutzt dieses Angebot bald selbstständig, sodass der Kontakt zur Familienbegleiterin auf ein lockeres, bedarfsorientiertes Niveau übergehen kann.